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Eine Weihnachtsgeschichte für Kinder.

Das Lachen seiner Klassenkameraden dröhnt Konrad in den Ohren. Am liebsten würde er sie mit den Händen zuhalten, die Augen schließen, sich umdrehen und die Flucht ergreifen. Aber er bleibt in der Ecke des verschneiten Schulhofes stehen, heimlich die Fäuste in den Handschuhen geballt, den Mund zu einem hilflosen halben Lächeln verzogen. Vielleicht sollte er einfach mitlachen – worüber auch immer.

»Konrad glaubt tatsächlich noch ans Christkind«, japst Tom und wischt sich die Lachtränen aus den Augen. Marvin schnaubt: »So ein Baby.« Da versteht Konrad: Sie lachen ihn aus. Dabei hat er doch nur gefragt, was die anderen sich so zu Weihnachten wünschten. Vom Christkind – klar, von wem denn sonst? Letztes Jahr hat es ihm einen megacoolen CD-Player gebracht, auf dem er abends vorm Einschlafen so gerne Hörspiele laufen lässt. Und im Jahr davor eine tolle Ritterburg mit allem Drum und Dran.

Auch dieses Jahr haben seine Eltern ihn wieder aufgefordert, einen Wunschzettel zu schreiben. Diesmal kann er es selbst tun, immerhin ist er jetzt kein Kindergartenkind mehr, sondern Erstklässer, und wie man »Kaninchen« schreibt, weiß er natürlich längst. Eigentlich hätte er am liebsten einen Hund, aber sein Vater meint, ein Hund kann in der Stadtwohnung nicht glücklich werden. Und gegen Katzen ist seine Mutter allergisch. Omi hat ein kleines Nagetier vorgeschlagen, als er ihr neulich sein Herz ausschüttete, und inzwischen ist Konrad davon überzeugt, dass nichts in der Welt ihn so glücklich machen könnte wie ein kleines, weiches, knuddeliges Kaninchen, das nur ihm gehört. Oh, wie würde er sich darum kümmern! Er würde täglich vor der Schule das Trinkwasser auffüllen, es regelmäßig füttern und mindestens einmal in der Woche den Käfig saubermachen. Ja, das Kaninchen – er will es Mogli nennen – wird ganz oben auf seiner diesjährigen Wunschliste stehen!

Die Klingel signalisiert das Ende der großen Pause. Erst jetzt bemerkt Konrad, dass er längst alleine dasteht. Tom, Marvin, Alex und die anderen haben inzwischen eine Schneeballschlacht mit den Zweitklässern begonnen, aber immer wieder schauen sie grinsend zu ihm rüber. Auch jetzt wieder. »Konrad ist ein Baby«, rufen sie sich gegenseitig zu, und dann schreien sie erneut vor Lachen.

»Komm, der Unterricht fängt gleich wieder an«, sagt Lena und zupft verlegen an seinem Ärmel. Lena ist die Kleinste in der Klasse, und mit ihrer dicken Brille und den karottenroten Haaren ist sie Spott gewohnt. Er macht ihr nichts aus. Schon bevor sie in den Kindergarten kam, haben ihre Eltern ihr erklärt, dass nur solche Kinder dumme Witze über Brillen oder Haarfarben machen, die als Freunde eh nicht taugen. »Ist doch praktisch, dann merkst du von Anfang an, wer in Ordnung ist und wer nicht«, hat ihre Mutter gemeint und dabei mit einer eleganten Bewegung ihre wunderschönen langen roten Haare über die Schulter geworfen. Und sie hat recht behalten, findet Lena, denn mit Kindern wie Tom, Marvin und Alex, die sich ständig über Schwächere lustig machen und sie sogar rumschubsen, wollte sie nun wirklich nicht befreundet sein. Konrad ist da ganz anders. Konrad hat sogar einmal gesagt, dass er ihre Haare schön findet. Aber – sie seufzt: Konrad glaubt wohl wirklich noch ans Christkind. Kein Wunder, dass sich nun alle über ihn lustig machen …

Nach der letzten Stunde ist Konrad einer der letzten, die den Klassensaal verlassen. Er hat sich viel Zeit damit gelassen, die Hausaufgaben von der Tafel abzuschreiben – mehr Zeit als sonst. Und er hat sich auch nicht sonderlich beeilt, den Ranzen zu packen, die Winterstiefel zu schnüren und die Jacke zuzuknöpfen. Genau wie Lena. Doch im Gegensatz zu Konrad hat Lena nicht getrödelt, um Tom und seiner Bande aus dem Weg zu gehen, sondern um auf dem Heimweg in Ruhe mit Konrad reden zu können.

Wie selbstverständlich gehen sie nebeneinander durch die verschneiten Straßen. Sie schweigen. Dann sagt Lena: »Du darfst dir nichts draus machen, wenn die dich auslachen. Aber du darfst ihnen auch keinen Anlass dazu geben.« Sie gehen weiter. Konrad antwortet nichts. Er versteht nicht, was Lena damit meint. Überhaupt versteht er Lena nicht immer, denn sie ist zwar die Kleinste in der Klasse, aber sie ist auch fürchterlich klug. Und redet meistens irgendwie … erwachsen.

Auf einmal merkt Konrad, dass sie den üblichen Weg verlassen haben. Hier ist viel mehr Verkehr als auf der Straße durch das Wohngebiet, wo sie sonst langgehen. Lena drückt auf einen Ampelknopf und sagt bestimmt: »Ich muss dir was zeigen.« Sie duldet keinen Widerspruch. So wie Mami, wenn sie sagt: »Schuhe aus, ich hab frisch geputzt« oder »Nach dem Zähneputzen wird nicht mehr genascht!« oder »Erst Hausaufgaben, dann Spielen«.

Gemeinsam überqueren sie die breite Hauptverkehrsstraße und nähern sich dem großen Kaufhaus. Und dann zeigt ihm Lena, wie Weihnachten wirklich funktioniert. Er sieht die großen Plakate mit den »Festtagsangeboten« und den »Geschenkideen«. Er sieht als Weihnachtsmann verkleidete Kaufhausangestellte, die Werbegeschenke verteilen. Er sieht gehetzte Menschen, die schwer mit Einkaufstüten beladen sind. Dann führt Lena ihn in die Spielzeugabteilung. »Ich hätte gerne so eine Actionfigur für meinen Enkel«, sagt eine silberhaarige Dame, und fügt hinzu: »Wenn Sie’s mir dann auch gleich als Geschenk einpacken könnten …«

Die Tränen steigen Konrad in die Augen. Er hat genug gesehen! Er wendet sich ab und rennt aus dem Kaufhaus. Nach Lena dreht er sich gar nicht um. Er ist wütend auf sie. Sie hat alles kaputtgemacht. Sie hat ihm gezeigt, dass es kein Christkind gibt, dass er auf einen riesengroßen Schwindel  reingefallen ist. Kein Wunder, dass Tom und Marvin und Alex ihn auslachen und ihn »Baby« nennen!

Konrad stapft alleine durch den Schnee nach Hause. Lena bleibt ein gutes Stück hinter ihm zurück. Sie ist traurig, dass Konrad nun böse auf sie ist. War es richtig, was sie getan hat?

Leise schließt Konrad die Haustür auf. Bevor er seinen Eltern – diesen Betrügern – gegenübertritt, möchte er ein paar Minuten in seinem Zimmer alleine sein. Er schleicht durch den Flur. Seine Eltern haben ihn wohl nicht gehört – aber dafür hört er sie nun umso besser. Sie sind in der Küche, bereiten das Essen vor und reden. Über Weihnachten. »Morgen hole ich im Baumarkt einen Baum«, sagt Papi und zeigt Mami das Prospekt mit den Angeboten – das erkennt Konrad am Papierrascheln. »Gute Idee, und ich besorge die Gans für Heiligabend. Was meinst du, sollen wir essen, bevor das Christkind beschert, oder danach?« Konrad erstarrt – hat er sich etwa verhört? Aber nein, sein Vater wiederholt es nun auch: »Das Christkind hat bisher immer nach dem Essen beschert, warum sollte es diesmal anders sein? Das ist auch viel spannender, finde ich.« Was Konrad durch die geschlossene Küchentür natürlich nicht sieht, ist das Augenzwinkern, mit dem sein Vater das zu Mami sagt. Und auch nicht das stumme »Pssst«-Zeichen, mit dem Mami antwortet. Konrad schleicht in sein Zimmer, stellt dort seinen Schulranzen neben den Schreibtisch und setzt sich kurz aufs Bett, um zu verdauen, was er da eben gehört hat. Sie glauben also selbst dran! War das zu fassen?

Beim Mittagessen ist Konrad nicht besonders gesprächig. Zu viel geht ihm im Kopf herum. Er ist ganz schön verwirrt. Aber weil es Dampfnudeln mit Vanillesoße gibt – sein Lieblingsessen –, wundern sich Mami und Papi nicht darüber, dass ihr Sohn so wortkarg ist. Ihm schmeckt’s eben.

Nach dem Essen hilft Konrad seiner Mutter beim Tischabräumen. »Habt ihr viel auf?«, fragt sie ihn beiläufig. Konrad schüttelt den Kopf. »Nur ein paar Rechenaufgaben, aber die sind ganz leicht.« »Dann könntest du heute deine Wunschliste fürs Christkind fertigmachen«, sagt die Mutter leichthin, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt. »Aber ihr wisst doch schon, was ich mir wünsche«, murmelt Konrad. Da stemmt Mami die Hände in die Hüften und schaut Konrad an: »Was wir wissen, spielt keine Rolle! Wie soll das Christkind dir deine Wünsche erfüllen, wenn es nicht weiß, was du möchtest? Am Ende bekommst du womöglich ein Puzzle, das du nicht leiden kannst, oder lauter Wollstrümpfe oder ein Buch, das du schon kennst.«

Konrad schluckt. Natürlich, Mami hat ja recht, das Christkind kann das ja unmöglich wissen … Es sei denn, es gibt gar kein Christkind. Und nach dem, was er heute im Kaufhaus gesehen hat, spricht alles dafür. Aber wie kommt es dann, dass seine Eltern daran glauben? Sein Vater, der Realschullehrer, und seine Mutter, die Krankenschwester? Denen kann man sonst nicht so leicht ein X für ein U vormachen. Aber dennoch … Konrad muss es genau wissen: »Und was, wenn es gar kein Christkind gibt?«, stößt er hervor. Doch seine Mutter fegt das Argument mit einer lässigen Handbewegung vom Tisch: »Papperlapapp, wo kämen sonst all die Geschenke her, die du schon bekommen hast? Erinnere dich nur an die Ritterburg und den CD-Player – denkst du, die sind einfach so vom Himmel gefallen?« Nein, eigentlich glaubt Konrad das nicht. Eigentlich, denkt er, müssten seine Eltern ihm das alles gekauft haben. Aber wie kann das stimmen, wenn seine Eltern selbst noch ans Christkind glauben? Konrad nimmt ein Blatt vom guten Briefpapier – dem für besondere Anlässe – aus der Schublade und schreibt mit Schönschrift seine Wunschliste. Sie ist ziemlich kurz. Ganz oben steht das Kaninchen.

»Ich mach die Hausaufgaben bei Lena, sie will mir noch was erklären.« Konrad hat wieder Schuhe und Winterjacke an und das Matheheft unterm Arm. »Wohl doch nicht so einfach?«, meint Mami. »Ähm, nein, viel schwieriger, als ich dachte«, antwortet Konrad etwas verlegen und macht sich auf den Weg. Lena ist gar nicht besonders erstaunt, als sie ihm die Tür öffnet. Als hätte sie geahnt, dass er kommen würde. »Wir machen Matheaufgaben«, ruft Lena ihrer Mutter zu und geht voraus in ihr Zimmer. Das Erste, was Konrad sieht, ist der große Kaninchenkäfig. »Das sind Karlchen und Hilde«, sagt Lena, »willst du sie mal streicheln?« Und ob Konrad das wollte!

Sie setzen sich im Schneidersitz auf dem Boden gegenüber. Der Teppich in Lenas Zimmer ist bunt, weich und warm. Sie hat Karlchen auf dem Schoß, Konrad hält Hilde und streichelt sie vorsichtig. Das weiße Kaninchen schnüffelt an ihm und macht es sich dann in seinem Arm gemütlich. »Hilde mag dich«, stellt Lena fest. Dann sagt sie nichts mehr, sondern schaut ihn auffordernd an. Konrad räuspert sich. Er hat sich eigentlich gar nicht überlegt, was er Lena fragen will. Und so redet er sich einfach alles von der Seele. Dass seine Eltern offensichtlich immer noch ans Christkind glauben und er nicht versteht, wo dann all die Jahre über die Geschenke hergekommen sind und dass er nicht weiß, wie er sich verhalten soll.

Lena hört ihm einfach nur zu. Dann fragt sie: »Was ist nun eigentlich das Problem?« Gute Frage. Ja, was ist eigentlich das Problem? »Na ja, dass ich es nicht verstehe», antwortet Konrad langsam, »und dass ich einen Wunschzettel schreiben sollte – fürs Christkind. Aber wenn es kein Christkind gibt, wer erfüllt dann diese Wünsche? Wie kann ich verhindern, dass an Heiligabend kein einziges Geschenk unterm Baum liegt?« Lena denkt kurz nach. »Indem du welche drunterlegst«, meint sie schlicht. Und dann wechselt sie das Thema: »Die Kaninchen setzen wir wieder in ihren Käfig. Es wird Zeit für die Matheaufgaben.«

Als Konrad sich auf den Nachhauseweg macht, dämmert es schon. Dabei ist es noch nicht sehr spät am Nachmittag. Nicht mehr lange bis Weihnachten – diese Woche ist Winteranfang, bis dahin werden die Tage immer kürzer. Das hat Frau Schönfelder, die Klassenlehrerin, ausführlich erklärt. Aber da hat es Konrad schon gewusst – von Omi. Ja, Omi – Konrad bleibt so plötzlich stehen, dass eine Passantin hinter ihm nur mit Mühe ausweichen kann, fast wäre sie auf ihn draufgelaufen. »Pass, doch auf, Junge«, tadelt sie, und schon hastet sie weiter mit ihren Einkaufstüten und ihrer unglaublich langen Besorgungsliste. Konrad achtet gar nicht auf sie, auch nicht auf all die anderen Menschen, die einen Bogen um ihn machen müssen, oder darauf, dass es wieder zu schneien anfängt. »Omi«, murmelt er vor sich hin und schlägt sich mit der flachen Hand an die Stirn, »ich frag einfach mal Omi – die muss es wissen!«

Zehn Minuten später sitzt Konrad auf Omis Sofa, eine dampfende Tasse Tee vor sich und daneben eine große Schüssel mit Weihnachtsgebäck. Omi hat seine Lieblingssorten gebacken, Vanillekipferl und die Dreistöckigen, die mit Marmelade gefüllt sind. Hmmm, lecker! Fast vergisst er, warum er gekommen ist, so gut schmeckt es ihm. Doch dann fragt er: »Omi, was wünschst du dir eigentlich vom Christkind? Hast du deine Liste schon geschrieben?« Omi lässt ihr Strickzeug sinken und schaut ihn über den Rand ihrer Brille lange an. Dann sagt sie: »Ich hab mehr Sachen, als ich gebrauchen kann. Außerdem: Weißt du denn nicht, dass das Christkind nur für Kinder zuständig ist? Die Erwachsenen müssen sich gegenseitig etwas kaufen, wenn sie auch Geschenke wollen. Und das wollen sie meistens, denn an Weihnachten wären alle am liebsten wieder ein Kind. Und das, obwohl sie schon so viel besitzen, dass sie sich gar nicht mehr an alles erinnern.«
Aha, das erklärt einiges, denkt Konrad und richtet sich auf. Die Plätzchen sind jetzt ganz vergessen. »Daher also die vielen Geschenkangebote in den Läden und die Menschen, die wie verrückt einkaufen«, stellt er fest. Omi nickt. Aber sie sieht, dass damit noch nicht alle Fragen beantwortet sind, denn Konrad runzelt die Stirn: »Aber … Mami und Papi glauben noch dran. Ans Christkind, meine ich. Das hab ich zufällig gehört.«

Omi lacht. »Natürlich, ich ja auch. Für den Weihnachtszauber ist niemand zu alt«, meint sie, erklärt aber nicht weiter, was sie damit meint. Dafür hat Konrad nun eine Sorge mehr: »Du hast gesagt, das Christkind ist nur für Kinder zuständig. Weißt du zufällig, wie lange man da als Kind zählt? Vielleicht – nur, bis man in die Schule kommt?« Denn das wäre wirklich übel. Konrad ist erst seit Sommer in der Schule. Das würde bedeuten, dieses Weihnachtsfest könnten sein erstes ohne Geschenke werden … Doch Omi will ihn beruhigen: »Unsinn, das Christkind bringt auch Schulkindern noch Geschenke – solange sie daran glauben.« Alarmiert hakt Konrad nach: »Und was ist mit Kindern, die nicht mehr dran glauben?« Omi lächelt: »Na ja, die sollten vorsichtshalber schon einen Wunschzettel schreiben. Aber den erfüllen dann wahrscheinlich ihre Eltern.«
In dieser Nacht kann Konrad kaum schlafen. Es ist ja alles noch viel schlimmer, als er befürchtet hat! Was wird das nur für ein trauriges Weihnachtsfest, wenn keiner in seiner Familie etwas auszupacken hat? Wenn niemand sich freut, keiner ein Geschenk an- oder ausprobiert? Und alles nur wegen dem blöden Tom und seiner Bande!

»Ich habe deinen Wunschzettel gestern Abend noch zur Post gebracht, adressiert ans Christkind«, verkündet Konrads Vater beim Frühstück. »Hmmm«, macht Konrad. Er beugt sich über seine Frühstücksflocken und tut so, als müsse er sich ganz auf das Löffeln und Kauen konzentrieren. »Da fällt mir ein: Am Nachmittag wirst du für ein, zwei Stündchen alleine sein, Papi und ich müssen noch was besorgen, den Baum und die Gans und so. Ist das okay für dich?« , fragt seine Mutter. Klar, ist das okay für Konrad. Er ist ja schon groß. So groß, dass er – wie Lena es gestern vorgeschlagen hat – selbst für Geschenke unterm Baum sorgen kann. Und er weiß jetzt auch, wie er das hinkriegt …

In der Pause erklärt er Lena seinen Plan. »Und wie willst du das schaffen, wenn du nur 15 Euro Taschengeld gespart hast?« Konrad lacht: »Das reicht locker für ein Buch über Kaninchen – das wäre dann für mich – und für eine Rolle Geschenkpapier. Hauptsache, es gibt viele Päckchen unterm Weihnachtsbaum, sonst macht die Bescherung keinen Spaß.« Lena runzelt die Stirn: »Wozu Geschenkpapier, wenn du nichts zum Einpacken kaufen kannst?« Aber Konrad hat sich an Omis Worte erinnert: »Wer sagt, dass ich etwas kaufen muss? Es gibt so viele Dinge, die Mami und Papi fast noch nie benutzt haben – wahrscheinlich haben sie sogar längst vergessen, dass sie diese Dinge besitzen. Ich muss also nur durch die Wohnung gehen und einsammeln, was längst da ist. Hilfst du mir beim Verpacken? Meine Eltern sind heute Nachmittag nicht da, wir haben ungefähr zwei Stunden …«

Konrad wird ganz zappelig, als seine Eltern nach dem Mittagessen noch gemütlich eine Tasse Kaffee trinken. Endlich ziehen sie Winterschuhe an und Mäntel über und machen sich auf den Weg. »Öffne nicht die Tür, wenn’s klingelt, und am Telefon sagst du am besten, deine Eltern sind gerade beschäftigt. Nicht, dass du allein daheim bist, hörst du?«, ermahnt seine Mutter ihn noch. »Ja, aber nachher kommt Lena – da muss ich doch die Tür öffnen …« Damit sind die Eltern natürlich einverstanden – sie freuen sich, dass Konrad und Lena sich gut verstehen und wieder zusammen Hausaufgaben machen wollen. Aber Mami ruft noch rasch bei Lenas Eltern an und bittet darum, dass Lena ein bestimmtes Klingelsignal benutzt – lang, kurz, kurz, lang. Damit Konrad weiß, dass es auch wirklich Lena ist, die vor der Tür steht. Dann, endlich, sind sie weg.

Konrad saust in sein Zimmer und holt die Geschenkpapierrolle, die er auf dem Nachhauseweg gekauft hat. Und das Buch über Kaninchen. Gar nicht so einfach, ein passendes Stück Papier abzurollen und auszumessen. Er schneidet nicht besonders gerade, und als er das Buch einpacken will, merkt er, dass das Papier zu klein ist. »Mist«, schimpft er und beschließt, das Einpacken nachher Lena zu überlassen. Die ist in der Schule supergut in Basteln und so, die kann das bestimmt.

Stattdessen beginnt er nun, die Wohnung nach geeigneten Geschenken zu durchsuchen. Was sieht relativ neu aus oder wenigstens so gut wie unbenutzt? In der Küche findet Konrad nichts. Alles ist hier täglich in Gebrauch und trägt auch entsprechende Alltagsspuren. Als nächstes nimmt er sich das Elternschlafzimmer vor. Er fühlt sich wie ein kleiner Einbrecher, als er vorsichtig die Wäscheschubladen durchsieht und danach den Bücherschrank neben dem Bett. Da – hinter den Liebesromanen steckt ein Buch quer, es muss aus einem oberen Fach hinuntergerutscht sein. Konrad zieht es hervor – es ist ein historischer Krimi aus der Serie, die sein Vater so gerne mag. Aber er ist noch ganz neu, sogar eingeschweißt! Perfekt – den hat Papi sicher mal gekauft und dann im Regal vergessen oder aber nicht wiedergefunden. Wäre ja kein Wunder – hinter den Liebesromanen hätte er ihn bestimmt auch nicht vermutet.

Konrad bringt das erste Beutestück in sein Zimmer und reibt sich die Hände. Fängt ja prima an! Da klingelt es: lang, kurz, kurz, lang. Lena ist pünktlich – und bestens ausgestattet. Sie hat Geschenkband dabei, ihre Bastelschere, einen Goldstift und Chirurgenhandschuhe aus der Praxis ihrer Eltern: »Ich will ja keine Fingerabdrücke hinterlassen«, meint sie.
Als Nächstes untersuchen die beiden die Speisekammer. Lena klettert auf einen Stuhl und entdeckt eine große Schachtel belgische Pralinen. »Glück gehabt, die sind noch nicht angebrochen!« »Noch mehr Glück gehabt, das ist Omis Lieblingssorte«, freut sich Konrad. Im Getränkeregal findet er außerdem eine Flasche Weißwein von der Sorte, die Papi am liebsten mag, wenn es was zu feiern gibt, und eine von dem Rotwein, mit dem Mutti ihm dann immer zuprostet.

Nun bleibt nur noch ein Raum: das Arbeitszimmer. »Hier müssen wir besonders vorsichtig sein, Papi mag es nicht, wenn ich etwas anfasse, und vor allem merkt er es immer sofort«, warnt Konrad, aber Lena schnaubt nur – sie ist mit ihren Handschuhen bestens ausgestattet und außerdem so auf der Hut wie eine Geheimagentin. Schweigend durchstöbern die beiden den Raum. Zu hören ist nur das laute Ticken des Sekundenzeiger. Konrad schaut auf die Wanduhr – schon wieder sind fünf Minuten vergangen. Bald wird es Zeit, sich zu beeilen, denkt er. Da ruft Lena plötzlich: »Ich hab was!«, und Konrad: »Ich auch! Zeig erst deins …« Lena hat ein paar Damenhandschuhe entdeckt.»Aus feinstem Material, und sogar noch mit dem Echt-Leder-Anhänger dran. Die hat wohl noch niemand getragen«, stellt sie sachkundig fest und schaut dann durch ihre dicken Brillengläser neugierig nach Konrads Fundstück. Es ist ein Roboter zum Zusammenbauen und sogar zum Selbstprogrammieren! »Wieso hat dein Vater so etwas in seinem Arbeitszimmerschrank liegen?«, wundert sich Lena. »Keine Ahnung, ich nehme an, es ist ein Werbegeschenk. Papi verwendet manchmal solche Sachen für den Unterricht. Aber wenn es hier im Schrank rumliegt, braucht er es bestimmt nicht.« Versonnen betrachtet Konrad den Roboter. So einen hat er sich schon immer gewünscht. »Es ist zwar kein Kaninchen, aber fast so gut«, beschließt er, und lächelt beim Gedanken daran, dass er dieses Geschenk sehr gerne unter dem Baum vorfinden wird.

Nun beeilen sich die beiden und arbeiten flott zusammen. Konrad misst die benötigten Geschenkpapierstücke aus und schneidet sie von der Rolle – diesmal nicht zu knapp, sondern genau passend –, Lena packt die Sachen ein, Konrad verziert die Päckchen mit ihrem Geschenkband und sie beschriftet sie mit dem Goldstift. »Für Oliver« schreibt sie mit schwungvoll verzierten Buchstaben auf das Päckchen mit dem Buch für Konrads Vater, »Für Susi« auf das mit den Damenhandschuhen, »Für Oma Charlotte« auf Omis Pralinenschachtel und natürlich »Für Konrad« auf das eingepackte Kaninchenbuch und die Schachtel mit dem Roboter. Für die Weinflaschen hat das Papier nicht mehr gereicht. Lena schreibt die Namen von Konrads Eltern mit dem Goldstift auf die Etiketten und Konrad bindet die beiden Flaschenhälse mit rotem Geschenkband und großer Schleife zusammen. Fertig!

»Und wohin mit der ganzen Bescherung?«, fragt Lena, während sie gemeinsam die letzten Spuren der »Aktion Christkind« beseitigen. Konrad zuckt mit den Schultern. Daran hat er noch gar nicht gedacht. Aber dann hat er eine Idee: »Wir bringen alles zu Omi!« Gesagt, getan. Nun dürfen sie keine Zeit mehr verlieren, denn er muss zurück sein, bevor seine Eltern nach Hause kommen …

In dieser Nacht schläft Konrad sehr, sehr gut. Nicht nur, weil er ziemlich müde ist, nachdem er in der vorigen Nacht so lange wachgelegen ist. Sondern auch, weil er rundum mit sich zufrieden ist. Er hat das Weihnachtsfest gerettet! Würde er nicht so tief schlafen, dann könnte ihm vielleicht auffallen, dass seine Eltern außergewöhnlich lange aufzuräumen scheinen an diesem Abend. Sie durchstöbern alle Zimmer – von Speisekammer über Schlafzimmer bis hin zum Arbeitszimmer. Als ob sie etwas suchen. Doch sie finden nichts. Und die neu gekaufte Rolle Geschenkpapier wird nicht benutzt.

Der nächste Tag ist der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien – ein Tag vor Heiligabend. Während sich Konrad und Lena in Sachkunde mit der Frage beschäftigen, warum es im Winter so viel kälter ist als im Sommer, führt seine Mutter ein Telefonat mit ihrer Mutter. »Was meinst du damit – alle Geschenke sind verschwunden?«, fragt Omi stirnrunzelnd. »Nun ja, jedenfalls das, was ich für Oliver und für dich besorgt hatte und das Geschenk für Konrad vor allem. Einfach wie vom Erdboden verschwunden. Seit Stunden durchsuche ich die Wohnung, aber: Fehlanzeige. Alles weg.« Konrads Großmutter presst die freie Hand vor den Mund, um ihr Kichern abzuschwächen, und fragt dann mit so viel Ernst in der Stimme, wie es ihr möglich ist: »Was, ein lebendiges Kaninchen soll tatsächlich verschwunden sein? Wie ist denn das nur möglich! Ob es vielleicht abgehauen ist?« Kleinlaut muss ihre Tochter zugeben, dass das Geschenk für Konrad kein Kaninchen war – sondern ein Roboter. »Und das, obwohl ein Haustier Konrads Herzenswunsch ist?« Omi stellt eine rein sachliche Frage, aber der tadelnde Unterton ist unüberhörbar. »Was soll ich nur tun? Ich hab schon überlegt, die Polizei anzurufen, aber das kann doch kein Einbruch gewesen sein …« Ihre Tochter wird immer kleinlauter. »Nun, ich denke, du weißt, was zu tun ist, oder?«, sagt Oma Charlotte. Und: »Wenn du magst, kann ich dich bei deiner Einkaufstour begleiten.« »Danke, Mama, du bist die Beste«, seufzt Konrads Mutter, bevor sie auflegt. Omi grinst: »Nein, Konrad ist der Beste«, murmelt sie vor sich hin …

Am Morgen des Heiligen Abends hilft Konrad seinem Vater dabei, den Christbaum im Wohnzimmer aufzustellen und zu schmücken. Diesmal macht er es besonders sorgfältig und mit noch mehr Begeisterung als sonst. Schließlich wird es diesmal seine Bescherung sein!

Während sein Vater mit den Worten »Muss noch rasch was besorgen« in die Stadt geht und seine Mutter in der Küche die Weihnachtsgans in den Ofen schiebt und dann den Rotkohl und die leckeren Klöße vorbereitet, die es immer dazu gibt, geht Konrad »ein bisschen draußen spielen«. Jedenfalls ist es das, was er seiner Mutter zuruft. Zum Glück wohnt Omi gar nicht weit weg. Sie hat ihn offenbar schon erwartet, denn der Rucksack mit den Geschenken steht neben der Eingangstür bereit. Dann drückt sie ihm noch ein Päckchen mit selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen in die Hand: »Meinst du, Lena würde sich darüber freuen? Immerhin hat sie dir ganz schön aus der Patsche geholfen«, sagt sie, und Konrad drückt ihr dafür einen dicken Schmatzer auf die Wange.

Tatsächlich freut sich Lena sehr, dass Konrad ihr die Plätzchen vorbeibringt. Sie hat auch etwas für ihn, eine kleine hölzerne Wippe. »Falls du eines Tages ein Kaninchen bekommst. Darauf spielen die gerne«, erklärt sie. Da freut sich Konrad ebenfalls, auch wenn es an diesem Weihnachtsfest wohl noch nichts wird mit dem eigenen Haustier. Aber er hat ja bald Geburtstag. Die beiden wünschen sich gegenseitig frohe Weihnachten, dann macht sich Konrad auf den Heimweg. Kaum hat er den Rucksack im Zimmer verstaut, ruft seine Mutter: »Papi kommt auch bald. Wenn du magst, kannst du Omi zu Fuß abholen, sie hat eben angerufen. Sobald alle da sind, gibt es Essen, und anschließend beschert das Christkind.« »In Ordnung«, ruft Konrad und ist froh, dass er die Geschenke griffbereit hat. Bevor er sich erneut auf den Weg zu seiner Großmutter macht, schleicht er ins Wohnzimmer und legt die Päckchen unter den Baum.

Vor dem Haus parkt gerade sein Vater ein. Konrad ist so in Gedanken versunken, dass ihm gar nicht auffällt, was für eine große Tüte auf dem Beifahrersitz liegt. »Ich hol Omi ab, bis später«, ruft er und winkt Papi zu.

»Susi hat wohl ihre Geschenke schon unter den Baum gelegt«, denkt Konrads Vater, als er die Päckchen im Wohnzimmer sieht. Er legt seine dazu.
»Oliver hat wohl seine Geschenke schon unter den Baum gelegt«, denkt Konrads Mutter, als sie wenig später ihren Teil der Bescherung dazulegt.
»Wahnsinn, so viele Geschenke – wo kommen die nur alle hier?«, denkt Konrad, als alle nach dem leckeren Weihnachtsessen ins Wohnzimmer gehen, weil – wie Mami sagt – das Christkind geklingelt hat. Das sagt sie jedes Jahr, aber Konrad hat es, wie immer, nicht gehört. Diesmal wundert er sich nicht darüber. Wahrscheinlich bildet sich seine Mutter das alles nur ein … Hat er gedacht. Bis eben. Aber was ist das denn? Mindestens zwölf oder noch mehr Päckchen sind um den Baum verteilt, und außer seinem Geschenkpapier gibt es noch einige weitere Sorten.

Konrad ist verwirrt. Aber auch begeistert – der Weihnachtszauber hat ihn gepackt. Gleich das erste Päckchen ist für ihn. Ein Buch über Kaninchen. Er freut sich und tut ein bisschen überrascht. Dann packt Omi eine wunderschöne Tischdecke aus und ruft: »Das ist doch vollkommen übertrieben!« Seine Eltern entdecken den Wein und öffnen beide Flaschen, um auf den schönen Abend anzustoßen. Konrad bekommt Saft in einem echten Weinglas – einem von den teuren, aus Kristall. Dann bekommt Konrads Vater den historischen Roman und ist begeistert. Konrads Mutter staunt nicht schlecht, und Konrad selbst wundert sich ein bisschen darüber, dass Papi das Buch nicht wenigstens ein bisschen bekannt vorkommt. Ähnlich – nur umgekehrt – ist es, als Konrads Mami sich riesig über die Lederhandschuhe freut. Da zieht Papi die Stirn kraus und Konrad denkt, dass seine Eltern offenbar ganz schön vergesslich sind. Als Omi die Pralinen auspackt und Konrad den Roboter, schauen die Eltern sich fragend an. Doch bevor sie eine Frage stellen können, ruft Konrad schon: »Da liegen ja noch ein paar Päckchen«. Er verteilt sie. Es ist ein karierter Schal für Papi, eine CD für Mami und ein rosafarbener Lippenstift für Omi.

Endlich sind alle Geschenke ausgepackt. Mami räumt das Papier weg, um Platz zu schaffen, und Papi fängt an, mit Konrad den Roboter aufzubauen. Mit einem Blick auf die Geschenke raunt Konrads Mutter der Großmutter zu: »Hast du etwa …?« »Iiiiich?«, macht Omi ganz unschuldig, »Aber wie sollte ich denn, ich bin doch eben erst gekommen, mit kleiner Handtasche. Und außerdem hast du mich direkt ins Esszimmer geführt – ich war bis zur Bescherung überhaupt nicht im Wohnzimmer.« Das klingt einleuchtend. Konrads Mutter entschuldigt sich: »Ich war nur etwas misstrauisch – weil ich es einfach nicht verstehe. Wo kommen nur all diese Geschenke auf einmal her?« »Na, vom Christkind«, sagt ihre Mutter augenzwinkernd. »Klar, kommt alles vom Christkind«, bestätigt Papi, und Konrad ergänzt: »Woher denn auch sonst?«

Da schlägt Konrads Papi vor, wie jedes Jahr auf den Balkon zu gehen und dem Christkind ein lautes »Dankeschön« zuzurufen. Als alle außer ihr und Konrad schon wieder hineingegangen sind, sagt Omi noch einmal leise: »Danke für den Weihnachtszauber.«

Da hört Konrad ein leises Rascheln. Er dreht sich um und sieht, was im Schatten am Rand des Balkons steht: ein Käfig. »Moglis Zuhause«, steht auf der Pappe, die dran befestigt ist. Mit großen Augen blickt ihn ein kleines, weißes Kaninchen an, als wolle es sagen: »Frohe Weihnachten, Konrad!«

© Heike Abidi

 

 

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